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Durchs Leben wandern
Wenn ich mit Wanderern im Zittauer Gebirge unterwegs bin, mache ich gerne einmal auf die hervorragende Wegmarkierung und die vielen gut erhaltenen Wegweiser aufmerksam und bekomme in der Regel Zustimmung. Es ist schön, wenn man einer bestimmten Markierung folgen kann und dadurch auch mit ziemlich großer Sicherheit ein bestimmtes Ziel erreicht, aber das ist nicht selbstverständlich. Es gibt Gegenden, in denen man nicht ohne Landkarten unterwegs sein sollte, und es kann auch sein, dass man gelegentlich den Mund gebrauchen muss, um nach dem Weg zu fragen – vorausgesetzt, dass man auch einen Menschen trifft, den man fragen kann und der Bescheid weiß. Es kann passieren, dass es zwar Wegweiser gibt und Landkarten, auf denen Wege entsprechend eingezeichnet sind, die dann aber doch nicht existieren, was eine Frucht der großflächigen Feldbewirtschaftung sein kann – oder auch einer Privatisierung bestimmter Gebiete. Es gibt traditionelle Wege, die man heutzutage nicht mehr richtig erkennen kann oder zu bestimmten Zeiten nicht betreten darf, weil sie dem Wintersport „geopfert“ werden. Andere, ursprünglich schöne Wanderwege, sind zu Asphalttrassen für die Radfahrer geworden. Es gibt freilich auch Wege, die man kaum noch als solche erkennen kann, weil sie nicht mehr begangen werden. Andere hingegen entstehen dadurch, dass sie gegangen werden. Diese Erkenntnis fand ich auf einer „Spruchkarte“ festgehalten und kann sie bestätigen. Und noch etwas: Jede Region und jeder Verein möchte etwas für die Urlauber – und natürlich auch etwas für die eigene Existenz tun – und etwas vom großen Topf der Fördermittel abbekommen und erfindet neue Rundtouren und spezielle Wege, die mitunter sehr schön sein mögen, aber ins Chaos führen können, wenn man sich nicht vorher genau damit auseinandergesetzt und alle Landkarten studiert hat. Was bringt es mir, wenn ich weiß, auf welchen dieser Wege ich gerade stoße, aber nicht weiß, wohin er führt? Auf diesem Hintergrund werden dann ältere Wegweiser und Markierungen unleserlich… Ich könnte diese Gedanken wohl noch ein Weilchen fortsetzen, aber ich möchte nur noch kurz darauf aufmerksam machen, dass hier nicht ein „Sonntagsspaziergänger“ spricht, der gerade mal den Weg verloren hat, sondern der erfahrene „Weitwanderer“, der schon weite Wege in Deutschland und Europa zu Fuß zurückgelegt hat… Diese Seite in mir mit den entsprechenden Erfahrungen lässt nun, deshalb habe ich es überhaupt nur erwähnt, eine andere anklingen, die des Pfarrers, der jetzt aus dem Alltag des Wanderers eine „Predigt“ entstehen lässt. Und die lautet so: Das Leben eines jeden Menschen lässt sich mit einem Weg vergleichen, dessen Verlauf man erst wenn es endgültig und unwiederbringlich gelebt ist, erkennen kann. Anfang und Ende stehen fest, der Zeitpunkt dafür ist schon sehr variabel. Vom „Wann“ ist abhängig, welche Möglichkeiten das Leben gerade eröffnet. Wer zum Beispiel im 7. Jahrhundert geboren wurde, konnte nicht auf die Idee kommen Auto zu fahren, und wer im Jahre 1000 v. Christus das Licht der Welt erblickt hat, konnte selbstverständlich kein Christ sein… Es gibt Wege, auf die man einfach gestellt wird und andere, die man sich selbst aussucht. Was kann man dafür, dass man in diesem oder jenem Land geboren wird, diese oder jene Hautfarbe oder bestimmte Geschwister hat? Was kann man dafür, wenn man schon als Kind getauft wird und in eine christliche Umgebung hinein wächst oder von Gott und der Kirche noch nie etwas gehört hat? Denkt man sich dieses „Was kann ich dafür…?“ etwas weiter, dann ist schnell für alle möglichen und unmöglichen Irr- und Abwege eine Entschuldigung gefunden. Aber anstatt ständig danach zu suchen, sollte man sich stets gut fragen, welcher von den vielen möglichen Wegen der richtige für das je eigene Leben ist. Soll er von Ehe und Familie geprägt sein oder – nicht nur aus religiösen Gründen – durch Ehelosigkeit? Soll man diesen oder jenen Beruf ergreifen, um ihm dadurch im Sinne echter Berufung nachzugehen? Nutzt man die Freizeit in dieser oder jener Weise, welche Freundschaften geht man ein und wen sollte man lieber meiden…? Man ist ständig in die Entscheidung gerufen, und wie es beim Wandern diesen oder jenen landschaftlichen Höhepunkt gibt, auf den man verzichten muss, wenn man ans Ziel gelangen will, so kann man auch im Leben nicht alles haben! Man darf ruhig davon ausgehen, dass für jeden Menschen ein bestimmter Lebensweg vorgesehen ist, den er freilich in Freiheit suchen kann und muss. Beim Wandern gibt es Wegweiser, Wegmarkierungen, Landkarten und manch andere Orientierungshilfe. Im Leben ist das nicht anders: Es gab schon vor uns Menschen, die diesen oder jenen Lebensweg erfolgreich gegangen sind und die uns „Zeichen“ hinterlassen haben, an die wir uns halten können. Zu nennen ist da freilich an erster Stelle Jesus, der gesagt hat: „Ich bin der Weg, die Wahrheit und das Leben. Wenn wir uns an ihn halten, werden wir ans gute Ziel gelangen. Wir können uns an die Heiligen halten, aber sicher auch an viele andere Leute, die mehr als nur ein „Idol“ sind. An ihnen können wir uns orientieren, auf sie dürfen wir hinweisen – und wir sollten hier und da wohl auch selbst diejenigen sein, „die sagen, wo es lang geht“! Dabei müssen wir nicht unbedingt „das Rad neu erfinden“, sondern brauchen nur dafür zu sorgen, dass „die Wege gepflegt und begangen werden“, dass die „Wegweiser“ nicht verschwinden oder unleserlich werden und dass darüber gesprochen wird, wenn man für sich einen schönen Weg gefunden und tolle Erlebnisse gehabt hat… Man möge diese Gedanken in ganz persönlicher Weise fortführen und wird sicher manch anderen Vergleichspunkt zwischen Weg und Leben finden können. Ich möchte nur noch kurz darauf aufmerksam machen, dass man aus diesen Gedanken resultierend sagen kann: Das Leben ist mehr als nur ein Weg: Es ist ein Wegenetz, ja sogar eine Art „Geländespiel“ mit vielen Einlagen und Hinweisen. Ein Spiel freilich, das man nicht gegen die Mitmenschen spielen sollte, sondern mit ihnen – in ganz unterschiedlichen Rollen!
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